Geschichte im Detail
Die Geschichte der Katholischen Hochschulverbindung Welfia reicht bis in das Jahr 1910 zurück und ist eng mit der Stadt Klosterneuburg, dem Augustiner-Chorherrenstift und den wechselvollen Epochen der österreichischen Zeitgeschichte verwoben.
1. Gründung und die ersten Jahre (1910–1914)
Die Voraussetzung für die Entstehung einer akademischen Verbindung in Klosterneuburg war erst mit dem vollen Ausbau des 1902 gegründeten Gymnasiums und dessen ersten Maturajahrgängen gegeben.
Im Frühjahr 1910 fassten in Klosterneuburg wohnhafte katholische Studenten und Akademiker den Entschluss, eine ortsansässige farbentragende Verbindung zu gründen. Am 10. Juli 1910 präsentierte sich die Verbindung Welfia erstmals im Rahmen eines feierlichen Festaktes der Öffentlichkeit. Die Gründung erfolgte mit neun Mitgliedern (je drei Alte Herren, drei Burschen und drei Füxe).
Ungeachtet der sofort einsetzenden, teils heftigen Proteste von Seiten deutschnationaler und liberaler Gruppierungen, die damals das akademische Klima prägten, fand die junge Verbindung rasch regen Zuspruch unter den Klosterneuburger Maturanten. Bereits am 7. Jänner 1911 veranstaltete Welfia den ersten „Welfenball“, der sich – mit Ausnahme der Kriegsjahre – rasch zum gesellschaftlichen Höhepunkt des Klosterneuburger Faschings entwickelte.
Für das Verbindungsleben war eine eigene Bude unverzichtbar: Hier sprang das Chorherrenstift Klosterneuburg unter seinem weitsichtigen Abt Friedrich Gustav Piffl (später Kardinal und Fürsterzbischof von Wien) helfend ein. Das Stift stellte das oberste Geschoss des alten Getreidespeichers (Granarium, Stiftskellergebäude in der Albrechtsbergergasse) zur Verfügung. Die feierliche Einweihung dieser ersten Welfenbude fand am 18. Februar 1912 statt.
2. Erster Weltkrieg und Zwischenkriegszeit (1914–1938)
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 stellte die junge Verbindung vor schwere Prüfungen: Von 55 Mitgliedern rückten 37 Bundesbrüder zum Kriegsdienst ein, 27 standen an der Front. Sechs Welfen fielen im Krieg.
Nach Kriegsende konsolidierte sich das Verbindungsleben rasch. Im Jahr 1920 wurde Welfia als 19. Verbindung des 3. Cartellkreises in den damals noch gesamtdeutschen Cartellverband (CV) aufgenommen. Die 1920er-Jahre brachten ein stetes personelles Wachstum (jährlich mindestens fünf Neumitglieder) und eine lebendige Aktivitas.
Die Machtergreifung der Nationalsozialisten im Deutschen Reich 1933 und die darauffolgende „Gleichschaltung“ des deutschen CV führten am 10. Juli 1933 zur Loslösung der österreichischen Verbindungen und zur Gründung des selbstständigen Österreichischen Cartellverbandes (ÖCV), zu dessen festen Stützen Welfia zählte.
3. NS-Herrschaft, Verbot und Widerstand (1938–1945)
Mit dem Einmarsch der deutschen Truppen im März 1938 folgte der schwerste Einschnitt in der Verbindungsgeschichte: Noch am Abend des 11. März 1938 wurde die Welfenbude von der SS aufgebrochen und besetzt. Das Verbindungseigentum wurde beschlagnahmt, Welfia wie auch der ÖCV behördlich verboten und zwangsaufgelöst.
Trotz akuter Gefahr gelang es einigen beherzten Bundesbrüdern in den Folgetagen, wertvolle Erinnerungsstücke in Sicherheit zu bringen: das historische Gründungsbild von 1910 (das bis heute den Kneipsaal schmückt), Schläger, Mützen und wesentliche Bestände des Verbindungsarchivs konnten über die NS-Zeit gerettet werden.
In den Jahren der Diktatur hielten die Mitglieder unter schwierigsten Bedingungen privaten Kontakt. Vier Welfen schlossen sich der christlich-konservativen Widerstandsbewegung „Österreichische Freiheitsbewegung“ um den Klosterneuburger Augustiner-Chorherrn Roman Karl Scholz an. Drei von ihnen wurden von der Gestapo verhaftet und zu mehrjährigen Zuchthausstrafen verurteilt – zwei Bundesbrüder überlebten die Haft von 1940 bis zur Befreiung 1945.
4. Reaktivierung und Nachkriegszeit (1945–1990)
Unmittelbar nach der Wiedererrichtung der Republik Österreich im Sommer 1945 nahmen die Bundesbrüder die Reaktivierung der Verbindung in Angriff. Bereits am 15. November 1945 (Leopolditag) konnten auf der alten Bude die ersten Neuaufnahmen (Rezeptionen) gefeiert werden.
Da die historische Bude im Stiftskeller von der sowjetischen Besatzungsmacht requiriert worden war, musste Welfia in den ersten Nachkriegsjahren improvisieren: Zunächst wich man in einen Raum der Stiftsschule am Stiftsplatz aus, später in ein Lokal im Hof des Restaurants Hübner am Rathausplatz.
1955 ermöglichte das Stift Klosterneuburg den Ausbau einer neuen, großzügigen Bude mit fünf Räumen im stiftseigenen ehemaligen Bezirksgerichtsgebäude in der Albrechtsbergergasse (vis-à-vis des Stiftskellers), die im Frühjahr 1956 feierlich bezogen wurde.
Anlässlich des 80. Stiftungsfestes im Jahr 1990 würdigte die Stadtgemeinde Klosterneuburg die Verdienste der Verbindung und benannte den Vorplatz der Bude offiziell in „Welfenplatz“ um.
5. Klosterneuburger Akademie und Weg ins 21. Jahrhundert
Ein zentraler Meilenstein des wissenschaftlichen Prinzips (Scientia) war im Herbst 1986 die Mitbegründung der Klosterneuburger Akademie gemeinsam mit den lokalen Korporationen Arminia, Babenberg und Rhaeto-Norica. Die Bildungsreihe bietet seither regelmäßig Vorträge und Podiumsdiskussionen zu aktuellen Fragen aus Religion, Gesellschaft, Wissenschaft und Politik.
Im Jahr 2008 bezog Welfia ihr heutiges, modernes und barrierefreies Verbindungslokal am Rathausplatz 22 / Welfenplatz 1 (ebenfalls im Eigentum des Stiftes). Am 6. März 2009 wurde die neue Bude im Rahmen eines Festaktes durch Verbindungsseelsorger Generalabt Bernhard Backovsky gesegnet; zugleich übergaben Bürgermeister Dr. Gottfried Schuh und Philistersenior HR Mag. Michael Huber die offizielle Anschrift „Welfenplatz 1“.
Im Jahr 2010 feierte Welfia ihr 100. Stiftungsfest. Heute zählt die Verbindung rund 125 Mitglieder aller akademischen Fachrichtungen, Generationen und Berufsfelder, die das Verbindungsleben in lebendiger Bundesbrüderlichkeit gestalten.